codein-junkies und apotheken-karma.

vor meinem studium und vor meinem einjährigen praktikum habe ich eine ausbildung zur PTA (pharmazeutisch-technischen assistentin) gemacht. und als PTA erlebt man so einiges.

gefälschte rezepte.

der klassiker. jede PTA kennt sie.
die patienten, die damit in die apotheke kommen, suchen sich meistens jüngere mitarbeiterinnen oder auszubildende aus, da sie denken, dass diese den betrug nicht bemerken würden. falsch gedacht, mein freund. meistens haben es die kunden auch besonders eilig, müssen „dringend den zug erwischen“ oder „zurück zum auto, da die kinder dort warten.“

gefälschte rezepte erkennt man daran, dass sie keinen arztstempel besitzen oder die unterschrift des arztes fehlt. nicht selten versuchen patienten auf diese art und weise an schlaf- oder beruhigungsmittel zu kommen. vergeblich. in der ausbildung lernt man neben dosierungen und lateinischen fachausdrücken nämlich auch, wie man gefälschte rezepte erkennt, was man damit macht und wie man dem patienten schonend beibringt, dass man ihm das gewünschte und angeblich vom arzt verordnete medikament leider nicht aushändigen kann.

in solchen fällen muss man ein echt dickes fell besitzen. beleidigungen und/oder drohungen sind da leider nicht selten. vielfach rasten die patienten komplett aus, schreien herum, verlangen den chef oder entreissen einem den papierschnipsel wieder, um es damit in der nächsten apotheke zu versuchen.

codein-gangster.

seit einige rapper damit angefangen haben, die high-machende wirkung von codein in den himmel zu loben, gibt es immer mehr nachahmer. sie mischen den hustensaft mit süssgetränken und trinken das gemisch traditionsgemäss aus den pappbechern von fastfood-ketten.

diese kunden sind zwischen 15 und 19 jahren alt, entsprechen haargenau dem klischee eines hiphop-hörenden jugendlichen (cap, hoodie, airmax) und sind ULTRAMEGAVERDAMMT ERKÄLTET UND HABEN FÜRCHTERLICHEN HUSTEN DER BEI NICHTBEHANDLUNG ZUM SOFORTIGEN TOD FÜHREN WÜRDE. ja, sie brauchen dringend codein.

sie betreten übertrieben hustend die apotheke und als person hinter der theke, ekelt man sich sofort ein bisschen. man befürchtet, dass sie einem sämtliche organe vor die kasse spucken werden.

sie flüstern halblaut, fassen sich an den hals und erklären, dass sie seit nächten nicht mehr schlafen können und fürchterlich, fürchterlich, fürchterlich husten müssen.
auf die frage, um was für einen husten es sich handelt (trockener reizhusten oder schleimiger, normaler husten), folgt die antwort wie aus der kanone geschossen.
aha, vorbereitung ist die halbe miete. denkste.

laut dem gesetz ist es erlaubt, bei verdacht auf missbrauch, die abgabe eines medikamentes zu verweigern. also habe ich das damals auch getan. sehr oft sogar. nicht, weil ich ein partybreaker oder spielverderber bin, sondern weil es mir um meine berufsehre ging. und ausserdem hätte ich mich bei der abgabe an minderjährige sogar strafbar gemacht.

manche hatten auch ein rezept und holten sich ihren trank regelmässig. dagegen war ich natürlich machtlos. das waren dann die sogenannten codein-junkies. die konnten ohne ihre tägliche dosis fast nicht mehr existieren.

teilweise hatten die jugendlichen echt gute tricks auf lager, um an das lilafarbene zeug zu kommen. so kamen sie zum beispiel mit dem handy am ohr in die apotheke.

und dann spielte sich folgendes szenario ab:

kunde: „mhm… mhm… ja… also, was brauchst du? was? wie heisst das? okay, ich frage mal, ob sie das hier haben.“

dieser trick war ein alter schuh und dermassen ausgelutscht, dass ich natürlich immer wusste, was als nächstes passieren würde.

kunde: „guten tag. haben sie, ähm… (name des hustensaftes)? meine mutter hat mich gebeten, ihr das zu besorgen.“

ja klar, mein lieber. und ich bin heute morgen vom mars gefallen. 

ein weiterer, zugegeben, recht guter versuch ist mir in erinnerung geblieben:

freitag. kurz vor ladenschluss. verdächtiger jugendlicher betritt die apotheke, drückt mir sein handy in die hand und sagt, dass ich doch bitte alles zusammen suchen sollte, was auf der liste steht, er hätte davon keine ahnung. ich werfe einen blick auf das kleine display.

absender: mama <3 (ja, da war wirklich ein herzchen)

kannst du bitte folgendes in der apotheke holen? ich komme leider nicht mehr rechtzeitig dazu. kuss, mama. 

– tampons
– paracetamol
– pfefferminztee
– labello
– (name des hustensaftes.)

very, very nice try.

ladendiebe.

sie gehören quasi zum inventar und haben es besonders auf teure parfüms und kosmetikprodukte abgesehen. oder schwangerschaftstests.
sie schleichen meist um die regale herum, nehmen unzählige produkte in die hand, schauen immer wieder um sich und benehmen sich auch sonst irgendwie auffällig. man erkennt sie mit der zeit irgendwie einfach.

ich will hier wirklich niemanden in schutz nehmen oder diebstähle rechtfertigen, ich finde ladendiebe wirklich scheisse, aber eines frage ich mich bis heute:

wenn man schon kosmetikartikel wie lippenstifte, cremes oder puder klaut, WARUM IN ALLER WELT KLAUT MAN DANN TESTER? was treibt einen menschen, der fest entschlossen und mit dem ziel etwas zu stehlen in die apotheke geht, dazu, einen TESTER zu klauen?! wisst ihr eigentlich, wie viele leute ihre ungewaschenen finger in so eine creme drücken? wie viele frauen sich den lippenstift auf die lippen schmieren oder sich den puder zuerst auf die hand und dann ins gesicht klatschen? nein? es sind unzählige.

aber jedem das seine. vielleicht hat das auch so seine vorteile:
die tester-klauer kommen nach einer woche wieder, kaufen akne-mittel und herpescremes und das wiederum hält das gleichgewicht zwischen diebstählen und richtigen verkäufen aufrecht.

apotheken-karma, so zu sagen.

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8 Gedanken zu “codein-junkies und apotheken-karma.

  1. Das erinnert mich vom Prinzip her an meine Schüler, wenn sie auf soooo <> Weise auf ihren Smartphones herumwischen, um es sich dann beim 3. Hinweis doch konfiszieren zu lassen und dann dem Direktor vorjammern, sie bräuchten <> die SIM-Karte, weil darauf wichtige Infos seien wegen der Arbeit am Wochenende und man könne doch nicht verantworten, dass sie deshalb Probleme bekämen, wie solle der Chef sie denn nur erreichen. Dass die heutzutage alle ein Zweithandy- bzw. Smartphone haben und uns für so vertrottelt halten, finde ich trotzdem irgendwie beeindruckend. (Ähnlich dem, der Pfefferminztee und OBs für Mama samt Codein aus der Apotheke holen muss – wie überlebensnotwendig sind a) Labello und b) Pfefferminztee?)

    1. das mit den handys kenne ich noch aus meiner schulzeit. aber damals, als man noch ein einziges nokia besass, war es schon ziemlich doof, wenn es einem weggenommen wurde.
      ich konnte damals in der apotheke nur über die kreativität schmunzeln, unterhaltsam war es auf jeden fall :))

  2. Ach du Scheiße… ich hätte nie gedacht, dass sich PTAs mit solchen Dingen rumschlagen müssen. Hammerhart! Ab jetzt werde ich noch freundlicher zu meiner Apothekerin sein.

  3. ich bin durch deinen kommentar auf meinem blog hier gelandet. ich frage
    mich gerade, was ich als patient tun kann, wenn mir ein gefälschtes rezept unterstellt wird und das einfach nicht stimmt? also, ich verstehe schon, das bei tavor z.b. sehr aufgepasst wird, weil da ja wirklich gerne mal rezepte gefälscht werden (wobei hier in der stadt jeder junkie weiß, welche ärzte ohne nachfrage rezepte für kritische medikamente ausstellen). aber angenommen, es ist so, wie ich es heute erlebt habe – ich habe ein „echtes“, aber leider fehlerhaftes rezept. was kann ich tun oder sagen, um den apotheker zu überzeugen, dass das wirklich kein betrugsversuch ist?
    ich fand es sehr unangenehm, quasi als junkie hingestellt zu werden. ich glaube, auch für die apothekerin war das im nachhinein nicht sehr angenehm. aber was kann man tun, um solche situation zu entschärfen?

    1. ich würde mir an deiner stelle eine ’stammapotheke‘ zulegen, das ist am einfachsten. mit der zeit kennen dich die mitarbeiter dort und wissen genau wer du bist, welche medikamente du einnimmst und welcher arzt dir das verschrieben hat. als stammkunde ist es dann auch was anderes, wenn auf dem rezept die dosierung mal nicht stimmt. oder, falls du viel unterwegs bist, nimm die leerpackung von dem medikament mit, somit beweist du, dass du das medikament kennst und es dir schonmal abgegeben wurde.
      es kann natürlich immer passieren, dass du an einen misstrauischen apotheker gerätst. bleib dann einfach locker, du hast schliesslich nichts verbrochen. falls du dich blossgestellt fühlst, sag das ruhig. ’sie könnten beim nächsten mal den arzt anrufen, BEVOR sie mich vor den restlichen kunden schlecht darstellen.‘ oder sowas. ich weiss, es ist schwierig in solchen situationen.

      1. das war in meiner stammapotheke. allerdings ist es eine größere apotheke und die dame, die mich gestern bediente, habe ich da noch nie gesehen. ich denke, wenn ich dort an eine apothekerin geraten wäre, die mich schon kennt, wäre es auch kein soo großes theater gewesen.

        die haben in der apotheke so ein „kundenkartendings“, also wenn man dem zustimmt (habe ich), dann speichern die in ihr system, welche medikamente man wann schon mal bezogen hat. also müsste sie gesehen haben, dass ich tatsächlich von zeit zu zeit tavor bekomme (aber vllt hat sie gedacht, dass die ärzte mir das jetzt nicht mehr geben wollen und ich deswegen ein rezept fälsche?).

        ich habe mich sehr bemüht, höflich zu bleiben. aber das ist wahrlich nicht einfach. wenn man als vermeindlicher rezept-fälscher-junkie sehr unfreundlich und abwertend bloßgestellt wird, ist es schwierig, ruhig und freundlich zu bleiben.

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