parkbankgeschichten.

ich sass auf einer bank mitten im park. auf meinen knien lag ein buch, geöffnet auf seite 127. die vögel zwitscherten, kinder rannten bällen hinterher, eltern sassen auf ihren picknickdecken und unterhielten sich und die ersten warmen sonnenstrahlen kitzelten mein gesicht. ich genoss den moment und vergass für einen augenblick den ganzen alltagsstress um mich herum.
gerade, als ich weiterlesen wollte, hörte ich wie jemand fragte, ob der platz neben mir noch frei wäre. ohne den blick zu heben, nickte ich und rutschte mechanisch ein stück nach links.
der mann neben mir atmete hörbar tief ein, nach einem kurzen augenblick wieder aus. „das buch kenne ich.“, sagte er leise.
ich drehte mich zu ihm. er war bereits etwas älter, verschiedene grautöne zierten sein dichtes haar, eine vergilbte hornbrille sass auf seiner nase. er wirkte ruhig und ausgeglichen.
„ein ausgesprochen interessantes buch.“, meinte er und schaute in die ferne.
„ja, sehr. ich kann kaum erwarten zu erfahren, was am ende passiert.“, antwortete ich.
„soll ich es dir verraten?“
„nein, lieber nicht.“
„hm.“, machte er und lächelte. „verständlich. woher hast du es? ich wusste gar nicht, dass das überhaupt noch irgendwo verkauft wird.“
„ich habe es in einer alten umzugskiste in der garage gefunden.“, antwortete ich, markierte die seite mit einem leichten knicks am unteren linken rand und klappte es zu.
der mann kramte in seiner ausgefranzten lederjacke, zog ein zigarettenpäckchen aus der seitentasche und steckte sich eine zwischen die lippen.
er bot mir ebenfalls eine an, doch ich verneinte.
„ich rauche nicht mehr.“
„das ist gut. sehr gut.“ er zündete sich die zigarette mit einem streichholz an, nahm einen langen, tiefen zug und sagte dann, während er sich den rauch aus der nase blies: „als ich noch jung war, rauchte ich auch nicht.“
„ach, so alt sind sie doch noch gar nicht.“, scherzte ich und versuchte sein alter einzuschätzen.
er lachte laut auf. „ich bin schon siebenundsechzig, mein kind.“
bis auf ein paar tiefe falten auf seiner stirn und um die augen, zeugte nichts von seinem höheren alter. er wirkte junggeblieben, beinahe dynamisch.
„sie sehen aber nicht aus wie siebenundsechzig.“
„das sagen alle.“, sagte er lachend.
„das buch das du da liest, wurde 1978 geschrieben. damals war ich 30 jahre alt und hielt das buch für den grössten schwachsinn, der jemals geschrieben wurde.“
er schüttelte den kopf, so als wollte er einen gedanken verdrängen.
„weshalb denn? was gefiel ihnen nicht?“
er legte den kopf etwas schief und überlegte kurz.
„alles. einfach alles. ich verstand das buch damals noch nicht. doch jetzt, einige jahre später, sieht das ganze ganz anders aus.“
„ich hoffe, dass ich am ende erfahren werde was genau sie damit meinen.“
„das wirst du ganz bestimmt.“
er schnippte die abgebrannte zigarette weg und strich sich mit seiner hand durchs haar.
„das mädchen in dem buch erinnert mich ein bisschen an dich.“, sagte er nach einem langen moment der stille.
„sie kennen mich doch gar nicht.“
„das muss ich auch nicht. ich schätze mal dass arbeitest, irgendwo in einem büro oder in einer bank am schalter. du hast viele freunde, die dich mögen, die du magst, mit denen du dich am wochenende triffst, feiern gehst, zeit verbringst.“
„stimmt fast alles.“
er lächelte triumphierend. „aber dieses leben“, sagte er und klemmte sich die nächste zigarette zwischen die lippen. mit einer sanften handbewegung zündete er zwei streichhölzer gleichzeitig an und hielt sie sich an die zigarette bis diese aufglühte.
„dieses leben, es macht dich nicht glücklich. du willst mehr. du willst die welt sehen, neue orte erkunden, neue kulturen entdecken, neue menschen treffen.“
„woher…“, murmelte ich verwirrt.
„was hält dich davon ab?“
er drehte sich zu mir und schob seine brille hoch.
„wovon?“
„das zu tun, was dich glücklich machen würde.“
„ich… ich weiss es nicht.“
„nimm dir ein beispiel an amy, dem mädchen aus dem buch. sie ist jünger als du, wohnt noch zu hause bei ihren eltern und beschliesst dennoch eines tages, einfach alles hin zu schmeissen, sich von den ketten der gesellschaft zu befreiten und die welt zu entdecken. sie erlebt so viele interessante dinge, die sie nie im leben erlebt hätte wenn sie nicht eines morgens aufgewacht und diesen schritt gewagt hätte.“
in meinen gedanken sah ich meinen arbeitsbereich vor mir und überlegte kurz, wie es wohl wäre, wenn ich morgen einfach mal nicht erscheinen würde.
ich seufzte.
„ja, sie haben ja recht. aber so einfach ist das leider nicht.“
„oh doch, das ist es. du musst es nur wollen.“
er drückte die zigarette an seiner schuhsole aus und warf sie ins gras. die sonne verschwand so langsam hinter den bergen und färbte den abendhimmel orange-rot ein.
„das leben ist nicht so kompliziert, wie wir immer denken. das leben ist eigentlich ganz einfach. wir sind es, die es so verdammt kompliziert gestalten. wir haben in den vergangenen jahren irgendwie alle verlernt wie es ist, glücklich und frei zu sein. jeder funktioniert irgendwie auf seine art, lebt von tag zu tag so vor sich hin. doch ist es wirklich das, was man leben nennen kann? ist leben nicht einfach mal loslassen, frei sein, das tun, was man will?“
ich schaute der familie unter dem baum beim einpacken ihrer sachen zu und liess die eben gehörten worte auf mich wirken.
„du alleine schreibst die geschichte deines ebens. schreib sie so, wie du sie gerne lesen würdest.“
ich schmunzelte.
„danke für das nette gespräch.“
noch bevor ich antworten konnte, erhob er sich schnell von der bank, machte kurz eine verbeugende bewegung und lief quer über die wiese der untergehenden abendsonne entgegen.

zwei wochen später sass ich im flugzeug. der pilot kündete das flugziel und die dauer an und informierte uns über das wetter am zielort. ich liess mich in den sitz fallen, blies mir eine haarsträhne aus dem gesicht und kramte in meiner handtasche.
in den vergangenen zwei wochen hatte sich mein leben komplett verändert. ich hatte meinen job an den nagel gehängt, die wohnung untervermietet, den hund zu meinen eltern gebracht und meine ganzen ersparnisse zusammengekratzt.
ich spürte, wie das flugzeug abhob und nahm mein buch, in dem ich seit der begegnung mit dem unbekannten herren nicht mehr weitergelesen hatte, hervor.
ich schlug die letzte seite auf und mein blick blieb auf einem zitat hängen.

du alleine schreibst die geschichte deines lebens. schreib sie so, wie du sie gerne lesen würdest.“

darunter war eine krakelige unterschrift, daneben das bild eines mannes mit einer vergilbten hornbrille auf der nase.

inspiriert von meinem guten freund M.S.

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7 Gedanken zu “parkbankgeschichten.

  1. Ich glaube, das was der Mann zu Dir sagte, hätte auf viele andere Frauen in Deinem Alter auch zugetroffen. Viele machen nicht das, was sie wollen. Viele tragen Sehnsüchte in sich, ungelebte Träume. Es scheint einen das ganze Leben zu verfolgen. Die Suche nach etwas anderem. Aber so einfach ist es nicht. Nein. Das Leben ist ein ständiges Streben nach Glück und Erfüllung, und das wird es immer bleiben. So sehe ich es, der eidabinich.

  2. Schöne Geschichte, gut geschrieben. Ich würde mir nur wünschen, Du würdest die Groß- und Kleinschreibung nicht vernachlässigen; aber das ist wohl ein Zeichen der Zeit in der wir leben.
    Jetzt wüde mich nur noch interessieren wohin die Reise geht…. :-)
    LG, Jörg

  3. mir egal, ob klein oder gross geschrieben……wunderbare Geschichte ! tja…und wohin wohl die Reise geht…..frag ich mich auch ;-)

      1. da sie an ihrem Hund hängt, geh ich mal davon aus, dass es eine europäische Selbstfindungstour ist, um dann anschliessend in die USA auzuwandern….mit Hund ;-) !!!!

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